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Weinkultur - Südtirol auf Identitätssuche

Weinfachmann und Buchautor Jens Priewe

Im Rahmen der Weinkulturwochen in St. Pauls präsentierte der renommierte deutsche Weinfachmann Jens Priewe in den Gassen von St. Pauls eine Reihe von Qualitätsweinen. Priewe sieht in Südtirol noch Potential zur Weiterentwicklung.

Herr Priewe, Ihr Buch „Die Weine von Südtirol“ ist soeben in zweiter Auflage erschienen. Was hat sich seit der ersten Auflage 1999 in Südtirols Weinlandschaft verändert?
Jens Priewe
: In der Weinwirtschaft gibt es ständig ein Kommen und Gehen. Was in Südtirol positiv auffällt ist die Tatsache, dass die Anzahl der 0,75/Liter Flaschen steigt. In den letzten Jahren hat man mehr auf Weißweine gesetzt und den Gewürztraminer ins Spiel gebracht. Dieser trockene Wein mit einer Restsüße von 5 bis 9 Gramm bringt hier eine fantastische Qualität hervor. Andererseits sehe ich Südtirol nach wie vor als eine Weinregion, die stark in Bewegung ist und ihre Identität bisher nicht gefunden hat - man weiß noch nicht genau, wo es hingehen soll.  

Die Anbaufläche des Vernatsch hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. Der Lagrein hat einen Aufschwung erfahren. Wie beurteilen sie diesen Wein?
Der Lagrein ist ein guter Qualitätswein. Er wird zwar immer noch angepflanzt, aber die historische Anbaufläche ist begrenzt und ich denke, er hat bereits seine Grenzen erreicht. Ihn mit einem Barolo oder San Giovese zu vergleichen, halte ich für gewagt. Es wird kein Wein sein, der über Südtirol hinausstrahlt.

Der Lagrein wird aber als Leitsorte gehandelt.
Ich glaube, da gibt es mindestens drei Leitsorten. Dazu würde ich bei den Rotweinen neben dem Lagrein immer noch den Vernatsch zählen, dann den Gewürztraminer, den Sauvignon und den Weißburgunder. Gerade letzterer hat noch ein großes Entwicklungspotential, vor allem was die Selektion im Anbau und die Kellertechnik anbelangt.  

Was hat sich noch verändert in den letzten Jahren?
Ich bin positiv angetan von der Entwicklung des Weinbaus im Eisacktal. Da gibt es eine neue Generation von jungen Winzern, die Hand anlegen, Experimente wagen und neue Weine anpflanzen. Das sind Weine, an die hier sonst niemand glaubt, wie der Müller-Thurgau oder der Veltliner, und die inzwischen hervorragende Weißweine hervorbringen. Ich bin überzeugt: Die Zukunft Südtirols liegt im Weißwein. Die Gastronomen als wichtige Schaltstellen für den Weinkonsum haben das noch gar nicht richtig zur Kenntnis genommen.  

Interview: Stefan Nicolini  

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