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„Renaissance des Genossenschaftswesens“

Konrad Palla, scheidender Direktor des Raiffeisenverbandes, zieht eine positive Jahresbilanz.

Konrad Palla, der mit 31.12. als Direktor des Raiffeisenverbandes in den verdienten Ruhestand gegangen ist, zieht trotz Finanzkrise eine durchaus positive Bilanz für die Raiffeisen-Genossenschaften. Ein Jahresrückblick im Interview.

Herr Direktor, wie sehen Sie die Entwicklung des  Raiffeisen-Genossenschaftswesens im abgelaufenen Jahr?
Konrad Palla: Im Rückblick kann man eindeutig feststellen, dass die Raiffeisen-Genossen- schaften unseres Landes ein weiteres Mal bewiesen haben, leistungsfähig zu sein und dass sie von der Zeit nicht überholt worden sind. Ganz im Gegenteil: man könnte fast sagen, das Raiffeisen-Genossenschafts- wesen in unserem Landes hat eine Art Renaissance erfahren.

Wie kommen Sie zu dieser Feststellung?

Vor allem bei den landwirtschaftlichen Genossenschaften kann man auf Rekord- auszahlungspreise verweisen, so insbesondere in der Obstwirtschaft und in der Milchwirtschaft. Im Vorfeld der jetzt ausgebrochenen Finanzkrise wurden Preise allerdings nach oben gedrückt, und zwar durch Spekulationen mit Rohstoffen wie Erdöl oder auch Nahrungsmitteln. Die Investmentbanken sind bekanntlich auch auf den Rohstoffmärkten tätig. Im Laufe des Jahres sind die Preise in der Milchwirtschaft wieder eingebrochen und haben nun einen Tiefststand erreicht, der nichts Gutes für das kommende Jahr erahnen lässt.
Dass sich die Preise für Frischobst weiterhin auf hohem Niveau halten werden, ist nicht sehr wahrscheinlich. Tatsache ist, dass sich das Sparverhalten der Konsumenten ändern wird und der Apfel zählt nicht zu den Grundnahrungsmitteln. Vor allem haben sich die Raiffeisenkassen im Lichte der weltweiten Finanzkrise als die stabilsten Institute im Umfeld erwiesen und daher der Hinweis auf eine mögliche Renaissance.

Wie stehen die Raiffeisenkassen da?
Die Raiffeisenkassen haben eine auffallende Wende in der Kreditpolitik vollzogen. Dies ist auch die Folge des Eingreifens durch den Verband. Im Gegensatz zu den vorausgegangenen Jahren haben die Raiffeisenkassen versucht, die Ausdehnung des Kreditvolumens zu drosseln und die Liquidität zu verbessern.  Das heißt, dass der Verschuldungsgrad in Südtirol nicht mehr so zugenommen hat wie in den Jahren zuvor. Wir haben heuer einen Zuwachs, der unter der Inflationsrate liegt. Bei den Einlagen hingegen könnte es sein, dass ein zweistelliger Zuwachs erreicht wird. Das bedeutet, dass sich die Liquidität bei den Raiffeisenkassen verbessert hat, was unter Berücksichtigung der aktuellen Finanzkrise von großer Bedeutung ist. So kann man mit der Entwicklungsdynamik der Raiffeisen Geldorganisation durchaus zufrieden sein, auch, weil die Gewinnerwirtschaftung wesentlich besser als im Vorjahr ausfallen wird.
 
Es gab auch in diesem Jahr Fusionen zu größeren Einheiten? Was bedeutet das für das einzelne Mitglied?
Das demokratische Prinzip der Genossenschaften erfährt dadurch keinen Einbruch. Natürlich kann das Einzelmitglied einer Genossenschaft nur geringen Einfluss auf dieselbe nehmen, wie durch die Wahl der Verwaltungs- und Aufsichtsräte oder die Mitsprache und die Abstimmungen bei den Vollversammlungen. Wenn sich Genossenschaften zu einer größeren Einheit zusammenschließen, so geschieht dies durch Mehrheitsbeschlüsse und mir scheint, dass die Entwicklung hin zu größeren Einheiten bei Weitem noch nicht beendet ist. Die Mitglieder erwarten sich bei Zusammenschlüssen natürlich Vorteile. Sie sind für das Mitglied oft aber nur schwer messbar.

Wie sehen Sie die Rolle des Raiffeisenverbandes?

Die  Rolle des Raiffeisenverbandes ist klar definiert, sowohl statutarisch als auch durch gesetzliche Regelungen. Das regionale Genossenschaftsgesetz aus dem Jahre 1954, das u.a. die Revision der Genossenschaften und die Bilanz- abschlussprüfungen regelt, wurde heuer völlig überarbeitet und inhaltlich an die neuen Erfordernisse angepasst. Die Durchführungsbestimmungen sind ebenso ausgearbeitet worden, so dass es nun mit 1. Jänner 2009 in Kraft treten kann. So wird der Verband in seinen wesentlichen Funktionen Änderungen kaum erfahren.

Wird sich die Finanzkrise im kommenden Jahr auch auf das Genossenschaftswesen negativ auswirken?
Die Finanzkrise könnte für das Genossenschaftswesen sogar positive Aus- wirkungen haben. Gerade in Krisenzeiten hat das Zusammenstehen und die Solidarität Genossenschaften immer auch beflügelt. Auch diese Krise wird dazu führen, dass beispielsweise die Raiffeisenkassen, die zur Zeit zu den stabilsten Banken zählen, eine neue Glaubwürdigkeit erfahren.

Interview: Stefan Nicolini

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