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Zwischen Kontinuität und Aufbruch

Paul Gasser, Generaldirektor des Raiffeisenverbandes

Die schwierige wirtschaftliche Lage im Jahr 2009 ließ auch den Raiffeisenverband samt seinen Mitgliedsgenossenschaften nicht unberührt. Große Herausforderungen für Paul Gasser, der nach einem Jahr als Generaldirektor im folgenden Gespräch Bilanz zieht. 

Sehr geehrter Herr Gasser, Sie waren vorher Vizedirektor und kannten ihren heutigen Aufgabenbereich. Gab es dennoch überraschende Momente?
Paul Gasser: Ich wusste natürlich welche Aufgaben auf mich zukommen würden. Dennoch war ich über die Vielschichtigkeit, die diese Position mit sich bringt, erstaunt. Hinzu kam die schwierige Lage der Wirt- schaft, die uns alle vor große Heraus- forderungen stellte. Positiv hervorheben möchte ich die konstruktive Zusammenarbeit auf Führungsebene und das gute Gesprächsklima in den einzelnen Gremien. Das stimmt mich auch für die Zukunft zuversichtlich, auch wenn noch große Herausforderungen vor uns stehen.

Welche sind das?
Die wirtschaftliche Entwicklung gibt in einigen Sektoren weiterhin Anlass zur Sorge. Hinzu kommen die steigende Komplexität der Abläufe und die zunehmende Rechts- unsicherheit. Viele Gesetze werden von der italienischen Regierung verändert und auch in der Rechtssprechung erleben wir unterschiedliche Richtersprüche wie das Beispiel der Gemeindeimmobiliensteuer belegt. Das hat zur Folge, dass die Anwen- dung vieler Bestimmungen Fragen aufwirft, die nicht eindeutig beantwortet werden können. Unsere Experten können deshalb in ihrer Beratungstätigkeit die Erwartungen unserer Mitgliedsgenossenschaften nicht immer erfüllen, da die Gesetzeslage vielfach unterschiedliche Interpretationsspielräume zulässt.

Welche Bilanz ziehen Sie für das Jahr 2009?
Die Wirtschaftskrise hat glücklicherweise bei uns nicht diese Auswirkungen gezeigt wie anderenorts. Es hat zwar eine Verlangsamung der wirtschaftlichen Entwicklung gegeben, dennoch kann Südtirol immer noch ein bescheidenes Wachstum aufweisen. Unsere Mitgliedsgenossenschaften haben in diesem Kontext aber auch Einbrüche erfahren.

Wie sieht die Bilanz bei den Raiffeisenkassen aus?

Sie haben eines der schwierigsten Jahre seit der Nachkriegszeit hinter sich. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wirkt sich negativ auf die Zinsmarge aus, was einen Rentabilitäseinbruch bewirkt hat, der jetzt zu Buche schlägt. Gleichzeitig zeigt sich, dass die notleidenden Kredite angestiegen sind - ein untrügliches Zeichen dafür, dass es Unternehmen an Liquidität mangelt und die Zahlungsmoral schwindet.
Dennoch gilt es zu betonen, dass Südtirols Raiffeisenkassen im Vergleich zu anderen europäischen Banken auf ein sehr hohes Eigenkapital zurückgreifen können, was gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Verlangsamung ein sicheres Polster darstellt.

Wie sieht es beim Raiffeisenverband selbst aus?

Wir konnten unsere Dienstleistungen im vergangenen Jahr weiter ausbauen. Für die Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften haben wir eine eigene Hauptabteilung eingerichtet, um den neuen Erfordernissen gerecht zu werden. Zudem haben wir im Raiffeisenhaus eine neue Servicestelle für Neugründungen von Genossenschaften eröffnet, die sehr stark nachgefragt wird. Ebenso haben wir unsere Beratungstätigkeit und die Dienstleistungen IT-Sektor erweitert und intensiviert. Derzeit treiben wir die Errichtung eines Koordinierungsausschusses für landwirtschaftliche Genossenschaften voran. Ziel ist es, in beratender Funktion Vorschläge zu erarbeiten und die Zusammenarbeit zwischen den landwirtschaftlichen Genossenschaften und deren Verbänden zu stärken.

Welche Ziele verfolgen Sie für die kommenden Jahre?

Wir haben uns intensiv mit der Zukunftsgestaltung auseinandergesetzt und für den Raiffeisenverband ein Konzept für die strategische Ausrichtung bis in das Jahr 2013 erstellt. Primäres Ziel ist es, die Geschäftsbereiche neu zu definieren und daraus die organisatorischen Erfordernisse abzuleiten.
Ich möchte betonen, dass der Raiffeisenverband entsprechend seinem statuta- rischen Auftrag sein Tun auch weiterhin an der Steigerung des Nutzens für alle Mitgliedsgenossenschaften ausrichten wird. Darüber hinaus muss es uns gelingen, die Bedeutung und Wichtigkeit des Genossenschaftswesens einer breiten Öffentlichkeit besser darzustellen.

Interview: Stefan Nicolini

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