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Genossenschaft: Traditionsmodell mit Zukunft

Oswald Lechner, Direktor des WIFO der Handelskammer Bozen

Oswald Lechner, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts der Handelskammer, hat die Lage der Genossenschaftswesens in Italien analysiert. Laut seiner Analyse steigt die Zahl der Genossenschaften stetig an. Im folgenden beschreibt er Chancen, Tendenzen und Risiken.

Südtirol zählt quer über alle Bereiche insgesamt 987 Genossenschaften. Daraus ergibt sich ein Wert von 2,0 Genossenschaften je 1.000 Einwohner, ein Wert der unter dem italienischen Durchschnitt von 2,5 Genossenschaften je Einwohner liegt. Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Genossenschaftskultur bzw. Genossenschaftsdichte im Norden Italiens durchwegs geringer ist als im Süden. In Caltanissetta liegt sie z.B. bei 6,6 je 1.000 Einwohner.

Aufschwung im Genossenschaftswesen
Auffällig ist die Geschwindigkeit, mit der das Genossenschaftswesen in Südtirol an Bedeutung gewinnt. Während die Anzahl der Genossenschaften hierzulande in den vergangenen fünf Jahren um 9 Prozent gestiegen ist, waren es auf nationaler Ebene nur 0,8%. Zugelegt haben vor allem der Sozial- und Energiebereich; die Anzahl der Sozialgenossenschaften hat sich fast verdoppelt. Die Zahl der landwirtschaftlichen Genossenschaften hat sich dagegen aufgrund von Fusionen verringert. 90 Prozent aller Bauern Südtirols sind Mitglied in mindestens einer Genossenschaft.

Landwirtschaft im Umbruch
In der Landwirtschaft sind derzeit große Aufgaben zu bewältigen: Die Konkurrenz auf den internationalen Märkten, vor allem aus Osteuropa und China wird immer drückender, der Preiskampf immer heftiger. Dies gilt besonders für Obst, aber auch bei Wein und Milch sind die Herausforderungen ähnlich. Einerseits muss man mit qualitativ hochwertigen, innovativen Produkten auf neue Märkte, andererseits gilt es Einsparpotentiale zu nutzen. Die Genossenschaften müssen somit als hochprofessionelle Unternehmen auf einem beinharten Markt bestehen und dürfen gleichzeitig ihre besondere Verpflichtung den Mitgliedern gegenüber nicht aus den Augen verlieren.

Qualitätssteigerung voran treiben
Eine hohe Qualität der Produkte kann nur gemeinsam mit den Mitgliedern erreicht werden. Dazu braucht es Dialog, Motivation und Beratung. Die Mitglieder sollen zudem angeregt werden, ständig neue Ideen einzubringen – und natürlich gehört werden. Die Laimburg leistet hier ebenfalls wertvolle Impulse. Im Milchbereich fehlt eine solche Struktur, weshalb der Sennereiverband weiterentwickelt werden könnte, von der Kontrollstelle hin zur Forschungsstelle – Forschungen zum Produktionsprozess bis hin zur Entwicklung neuer Milchprodukte.

Einsparpotentiale nutzen
Kosteneinsparungspotential gibt es vor allem durch Kooperationen zwischen Genossenschaften. Kooperation braucht es vor allem in der Vermarktung auf dem nationalen und internationalen Markt. Gemeinsam gibt es eine größere Schlagkraft und Sichtbarkeit am Markt. Dabei muss der Standortvorteil „Südtirol“ noch stärker genutzt werden. Wenn es für die Firma Loacker ein eindeutiger Standortvorteil ist, in einem „sauberen, von Natur geprägten“ Land produzieren zu „dürfen“, muss dies für die landwirtschaftlichen Produkte umso mehr als Einzigartigkeit Südtirols vermarktet werden.  

Zurück zur Schiene
Eine Besonderheit der Obstgenossenschaften ist der Transport: Großes Gewicht und lange Transportwege – optimale Voraussetzungen für die Schiene. Früher führten die Gleise häufig bis in die Obstgenossenschaften, heute wird alles über LKW transportiert. Die Zukunft des Güterverkehrs auf der Schiene liegt im Container, da dieser die volle Kompatibilität zwischen Straße, Schiene und Schiff bietet und am wenigsten Leergewicht transportiert werden muss. Es wäre zu prüfen, ob die Genossenschaften hier nicht Pionierarbeit leisten könnten, indem sie sich wieder stärker auf die Schiene besinnen, nicht der Schiene sondern der Kosten und der Zukunft wegen.  

Oswald Lechner

Genossenschaften in Italien

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