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Die genossenschaftliche Kultur

Prof. Theresia Theurl, Direktorin des Instituts für Genossenschaftsforschung an der Universität Münster

Genossenschaften unterscheiden sich von anderen Unternehmensformen in einem wesentlichen Punkt: im Umgang zwischen Geschäftsführung, Mitgliedern und Kunden, sagt Prof. Theresia Theurl,  Direktorin des Instituts für Genossenschaftsforschung an der Universität Münster.

Im Kern der Genossenschaften stehen ihre Mitglieder, deren Interessen und deren Bedürfnisse. Ohne Mitglieder wären Genossenschaften nicht entstanden. Sie sind in ihrer Gesamtheit nicht nur die Eigentümer, sondern sie üben genau definierte Entscheidungs-, Gestaltungs- und Kontrollrechte aus. Damit kann grundsätzlich sichergestellt werden, dass die unternehmerische Tätigkeit an den Interessen der Mitglieder auszurichten ist, dass diese strategische Weichenstellungen bestimmen und dass sie nicht unfreundlich übernommen werden können.

Demokratische Entscheidungsfindung
Jedes Mitglied kann unabhängig von Anzahl und Höhe der Geschäftsanteile mit einer Stimme an der Entscheidungsfindung mitwirken. Dies unterscheidet Genossenschaften etwa von Aktiengesellschaften. Dennoch darf die demokratische Entscheidungsfindung, die mit der genossenschaftlichen Mitgliedschaft verbunden ist, nicht verklärt gesehen werden. So wie sich das wirtschaftliche Umfeld heute darstellt, geht es um die Wettbewerbsfähigkeit von Genossenschaften im Wettbewerb mit anders organisierten Unternehmen. Damit ist verbunden, dass die demokratische Entscheidungsfindung auch eine effiziente Entscheidungsfindung zu sein hat.

Veränderungen müssen möglich bleiben
Es muss möglich sein, strategische Neuorientierungen zu beschließen, auch wenn damit einer Veränderung gegenüber der vergangenen Geschäftspolitik verbunden ist. Dies stellt hohe Anforderungen an die Mitglieder und dies stellt ebenso hohe Anforderungen an jene Funktionäre, die Entscheidungen vorbereiten. Ihnen muss es gelingen, Entscheidungsalternativen mit den erwarteten Konsequenzen nachvollziehbar darzustellen. Expertenwissen darf keine Machtposition zulasten der Mitglieder begründen.

Auf Systemvertrauen bauen
Gelingt es, die Vorzüge der genossenschaftlichen Mitbestimmung und Einflussnahme mit einer effizienten Entscheidungsfindung zu kombinieren, wird Systemvertrauen entstehen. Es bilden sich Erwartungen über das Verhalten von Mitgliedern und Funktionsträgern heraus. Vor diesem Hintergrund sind Mitglieder auch bereit, Entscheidungen zu delegieren. Denn Vertrauen ist dann keine riskante Vorleistung, sondern es ist eine rationale Verhaltensweise, die im eigenen Interesse liegt.  

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