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Das „blaue Haus“ und seine Geschichte

„Das blaue Haus“: Ehemaliger Sitz der Raiffeisen-Genossenschaftsbewegung.

Die Geschichte des Genossenschaftswesens ist mit dem sogenannten „blauen Haus“ in Bozen untrennbar verbunden. Mit der Enteignung durch das faschistische Regime ging eine Ära zu Ende.  

Nicht ohne Wehmut denken alte Genossenschaftler an das „blaue Haus“ und seine ursprüngliche Zweckbestimmung zurück. Im Jahre 1912 nach Plänen des Architekten Walter Norden errichtet, beherbergte das Haus, das durch den eigentümlichen trapezförmigen Grundriss auffällt, zunächst den Verband der Raiffeisen-Vereine und landwirtschaftlichen Genossenschaften Deutschtirols. Nach dem Ersten Weltkrieg residierte der 1919 gegründete Revisionsverband der Raiffeisenvereine und landwirtschaftlichen Genossenschaften Bozen im blauen Haus. Ab September 1921 war es zudem Sitz der landwirtschaftlichen Zentralkasse, die in erster Linie als Geldausgleichsstelle fungierte.

Erste Blütezeit
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die Entwicklung des Genossenschaftswesens durch stetiges Wachstum gekennzeichnet: 1914 bestanden in Südtirol 125 Spar- und Darlehenskassenvereine, 35 Konsumgenossenschaften, jeweils 18 Sennerei- und 18 Kellereigenossenschaften sowie eine Obstgenossenschaft im Burggrafenamt. 1925 erreichte die Anzahl der Raiffeisenkassen den Höchststand von 135. Die tolomeische Italianisierungspolitik, die Abwanderung vieler Fachkräfte als Folge der Option und die Weltwirtschaftskrise trieben später viele Kassen in den Ruin. Im Zeitraum 1934 bis 1944 wurden 78 von 135 Raiffeisenkassen geschlossen.  

Enteignung
Die große Zäsur brachte die Besetzung des Genossenschaftshauses im Jahre 1926 durch die faschistische Korporation der Landwirte. Mit der Machtergreifung durch die Faschisten wurde das Ende des politisch unabhängigen Raiffeisen-Genossenschaftswesens eingeleitet. Den Todesstoß markierte schließlich die Enteignung des Genossenschaftshauses und der Zerschlagung der Zentralkasse durch einen faschistischen Überfall während der Vollversammlung im Jahre 1927.

Landesregierung als neuer Eigentümer
Im Jahre 1994 übte die Landesregierung ihr Vorkaufsrecht aus und kaufte das denkmalgeschützte Gebäude. Der Raiffeisenverband, der ebenso daran interessiert war, konnte Landeshauptmann Durnwalder nicht überzeugen, davon Abstand zu nehmen. Im blauen Haus sind derzeit einige Büros der Landesverwaltung untergebracht.

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